Ötzi-Konferenz in Bozen

27|10|2011

Rund 100 Mumienforscher aus nahezu allen Kontinenten haben sich vom 20.bis 22.Oktober beim „2nd Bolzano Mummy Congress“, dem zweiten Weltmumienkongress an der Europäischen Akademie Bozen (EURAC) zusammengefunden, um über ihn, seine möglichen Erkrankungen und seine Todesumstände zu sprechen: Ötzi, die 5000 Jahre alte Gletschermumie gibt seit seinem Fund vor 20 Jahren der Wissenschaftswelt Rätsel auf – liefert aber nach und nach auch viele Antworten.

Albert Zink

Albert Zink

Einigkeit herrschte beim Bozner Kongress über seine letzte Lebensstunde: „Er hat sich sicher gefühlt, gerastet und ein ausgiebiges Mahl eingenommen. Bei dieser Rast ist er von einem Angreifer überrascht, erschossen und liegen gelassen worden.“, beschreibt Albert Zink, Leiter des EURAC-Instituts für Mumien und den Iceman das Todesszenarium. Es gäbe keine Hinweise auf ein mögliches Begräbnis, wie zeitweise von manchen Forschern vermutet. „ Die Haltung der Mumie mit dem Arm schräg nach oben und das Fehlen von Steinansammlungen oder grabähnlichen Arrangements spricht gegen die Begräbnistheorie.“, fährt er fort.

Doch wieso befand sich Ötzi überhaupt auf 3200 Metern Höhe? Die Innsbrucker Wissenschaftler Andreas Putzer, Daniela Festi und Klaus Oeggl widerlegten auf dem Bozner Kongress eine seit 1996 existierende Theorie, nach der Ötzi ein Hirte gewesen sein soll und sein Vieh für die Sommermonate auf hoch gelegene Weideflächen geführt haben sollte. Laut neuster archäologischer und botanischer Erkenntnisse der Wissenschaftler wurde in der Kupferzeit keine saisonale Wanderviehwirtschaft, die so genannte Transhumanz, betrieben. Diese begann, laut Wissenschaftlerteam, erst in der Bronzezeit ab 1500 v. Chr.

Dass Ötzi nicht auf der Flucht war, sondern 30 bis 120 Minuten vor seinem Tod ausgiebig gegessen hatte, belegen Magenproben, die Albert Zink und sein Team im Sommer diesen Jahren untersucht hatten: Steinbockfleisch, Getreidekörner, Teile von Blättern, Äpfeln, Fliegenflügel konnten die Forscher unter dem Mikroskop gut sichtbar erkennen.

Der Innsbrucker Botaniker Klaus Oeggl konnte Pollen der Hopfenbuche in Ötzis Magen nachweisen. Oeggl hatte bereits vor geraumer Zeit eine hohe Konzentration solcher Pollen in Ötzis Darm gefunden und daraufhin angenommen, dass Ötzi im Frühjahr und nicht wie eine Zeit lang vermutet im Herbst gestorben war. Da Nahrung im Magen frischer ist und nur zwei bis vier Stunden dort verbleibt, untermauert der Pollenfund im Magen seine Theorie.

2nd Bolzano Mummy Congress in Bozen
2nd Bolzano Mummy Congress in Bozen

Nanotechnologische Untersuchungen einer Gehirnprobe an der Ludwig-Maximilian Universität in München bestätigen definitiv eine weitere Annahme: Ötzi hat tatsächlich Schädel-Hirntrauma erlitten. Dieses allein hätte bereits tödlich sein können, hat sicherlich aber neben der Schussverletzung zum Tode beigetragen, so die Wissenschaftler. Unklar bleibt, ob er sich das Trauma durch einen Sturz oder durch einen Schlag auf den Kopf zugezogen hatte.

Wissenschaftler über Ötzi

04|05|2011

Für die Sonderausstellung haben wir die zwei führenden Ötzi-Wissenschaftler interviewt.

Dr. Albert Zink ist Leiter des Forschungsinstitutes an der EURAC “Institut für Mumien und den Iceman” und berichtet über die aktuellsten Forschungsergebnisse rund um Ötzi.

Der Pathologe Dr. Eduard Egarter Vigl ist seit der Ankunft der Mumie in Bozen verantwortlich für deren Konservierung. Er analysiert den “Kriminalfall Ötzi”.

Schonende Probenentnahme bei Ötzi

23|12|2010

Am 21. Dezember 2010 hat die schwedische Tageszeitung Svenska Dagbladet ein Interview mit dem schwedischen Bakteriologen Lars Engstrand zu den im November 2010 vorgenommenen wissenschaftlichen Eingriffen an der Gletschermumie Ötzi veröffentlicht. Engstrand war bei den Untersuchungen selbst dabei und spricht unter anderem davon, dass „ein zehn cm großen Loch in den Bauch der Mumie“ geschnitten wurde, um Gewebeproben aus dem Magen- und Darmtrakt zu entnehmen.
Die Direktion und die Wissenschaftler des Südtiroler Archäologiemuseums, die sich für die Konservierung der Mumie verantwortlich zeichnen, unterstreichen dass, die Aussagen von Engstrand Ungenauigkeiten und Falschdarstellungen enthalten, welche die wissenschaftlichen Eingriffe an der Gletschermumie in ein völlig falsches Licht rücken.


Tatsächlich fand Anfang November 2010 in Bozen im Südtiroler Archäologiemuseum eine Probenentnahme an der Mumie statt. Diese war in allen Details genau geplant und von zuständiger, offizieller Seite genehmigt.
Die Proben wurden aus dem Inneren der Mumie entnommen, wobei als Zugänge schon vorhandene Hautschnitte gewählt wurden, die von früheren Probenentnahmen stammten. Die Aussage von Lars Engstrand, man habe ein 10 cm großes Loch in den Bauch geschnitten,  ist völlig falsch und entbehrt jeder Grundlage.

Die Gründe für diese Probenentnahmen waren mehrere internationale wissenschaftliche Projekte aus den Fachgebieten der Mikrobiologie, der Genetik, der Konservierungstechnologie und der Forensik.

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Ötzi wurde nicht am Gletscher bestattet!

30|08|2010

Die Ötzi-Forscher sind sich einig: der Mann aus dem Eis wurde nicht am Gletscher beerdigt. Eine vor kurzem in den Medien vorgestellte Theorie, nach der Ötzi, nicht am Gletscher gestorben sein soll, sondern erst später zur Bestattung dorthin gebracht wurde, wird von der Iceman‐Forschung an der EURAC, im Südtiroler Archäologiemuseum und an der Universität Innsbruck einstimmig abgelehnt.

Der Archäologe Alessandro Vanzetti von der Universität „La Sapienza“ in Rom und seine Mitautoren schließen in einem Artikel „The Iceman as a burial“ (erschienen in „Antiquity“84/2010) aus der räumlichen Lage des Mannes aus dem Eis an seiner Fundstelle am Tisenjoch (Südtirol/Italien) und aus botanischen Untersuchungen den Schluss, dass Ötzi nicht am Unfallort umkam, sondern im Frühjahr im Tal verstorben war und erst im September auf das Tisenjoch gebracht und dort bestattet wurde.
Vanzettis Szenario, das auch in der Vergangenheit schon mehrfach diskutiert wurde, weist grundlegende Schwächen auf. Die Pollenfunde und die Lage der Beifunde sind nicht dazu geeignet, Bestattungsriten zu belegen.
Es gibt zwar rituelle Bestattungen auf Bergen oder in Höhenlagen bei südamerikanischen Kulturen, doch sind im Alpenraum keine vergleichbaren Fälle bekannt. Im Gegenteil, während der Kupferzeit gab es mit Sicherheit Bestattungsorte in Siedlungsnähe.

Die Argumentation, dass in Tirol Menschen nach ihrem Tod aufbewahrt und erst nach der Schneeschmelze über die Jöcher in Friedhöfe getragen wurden gründet im System der christlichen Friedhofskirchen des Mittelalters. Ziel war es dabei allerdings, die Toten zum Friedhof im Dorf zu bringen und nicht vom Dorf auf den Berg. Für die Ötzi‐Zeit (Kupferzeit) kann die Transport‐Analogie nur als Spekulation gelten.

Wäre der Mann aus dem Eis, wie in Vanzettis Artikel beschrieben, im April in einer Tallage gestorben und erst im September auf den Berg gebracht worden, müssten auch trotz Mumifizierungsversuchen stärkere Verwesungsprozesse sowie Insektenbefall nachweisbar sein. Da diese fehlen, geht man davon aus, dass die Leiche nach kürzester Zeit eingefroren und von einer Schnee‐ oder Eisdecke geschützt wurde.


Vanzetti behauptet dagegen, dass der Körper intakt auf dem Gletscher bestattet wurde und erst während der Gletscherschmelze den Hang hinunter rutschte. Dabei habe sich der Arm in die bekannte Stellung vor der Brust gedreht. Dies ist undenkbar wenn, wie die Autoren zuvor behaupten, Ötzi schon ein paar Monate vorher gestorben war und mumifiziert wurde. Damit könnte der steife Arm gar nicht mehr in seine Position gebracht werden, ohne ihn oder die Schulter erheblich zu beschädigen. Tatsächlich befinden sich alle Gelenke des Mannes aus dem
Eis in anatomisch korrekter Position. Ein Transport der intakten Mumie auf den Gletscher ist damit ausgeschlossen.

Vollständiger wissenschaftlicher Artikel

Ötzi-Forschung: Genom entschlüsselt

10|08|2010

Alles andere als auf Eis gelegt – Ötzi, dem Mann aus dem Eis, stehen turbulente Zeiten bevor. Erstmals in der Geschichte seit dem Fund vor knapp zwanzig Jahren liegt das gesamte Erbgut der weltbekannten Mumie vor. Damit sind die Weichen gestellt, um weitere Rätsel rund um den Eismann in nächster Zukunft aufzulösen.

Um das komplette Ötzi-Erbgut zu erstellen, haben Experten dreier Institutionen ihre Kompetenzen eingebracht: Albert Zink, der Leiter des EURAC-Instituts für Mumien und den Iceman, Carsten Pusch vom Institut für Humangenetik der Universität Tübingen und der Bioinformatiker Andreas Keller vom Biotechnologie-Unternehmen febit in Heidelberg. Gemeinsam setzten sie jetzt einen Meilenstein in der Forschung an der 5000 Jahre alten Mumie.
Der Bioinformatiker Andreas Keller stellte den beiden Humanbiologen modernste Sequenzier-Technologien zur Verfügung, mit denen das Forscherteam die Millionen an Sequenzdaten des Ötzi-Genoms entschlüsselte und in kürzester Zeit das schaffte, was mit bisherigen Verfahren nur im Zeitraum von Jahrzehnten zu bewältigen war: Sie entnahmen dem Becken der Eismumie eine Knochenprobe und erstellten mithilfe der neuen Sequenzier-Technologie SOLiD eine DNA-Bibliothek, die den mit Abstand größten DNA-Datensatz enthält, der jemals vom Mann aus dem Eis erarbeitet wurde.

Ötzi, the Iceman

Die Arbeit am Eismann stellte sich für das Forscherteam zur gleichen Zeit als besondere Pionierarbeit heraus, da an Ötzi die neu entwickelte Technologie erstmals zum Zuge kam. „Wir haben es mit alter DNA zu tun, die obendrein noch stark fragmentiert ist. Nur aufgrund dieser modernsten Technologie mit ihrer geringen Fehlerrate ist es uns Wissenschaftlern gelungen, das komplette Genom von Ötzi in diesem kurzen Zeitraum zu entschlüsseln“, unterstreicht Albert Zink, unter dessen Obhut die Eismumie liegt.
Der spannendste Teil der Arbeit wartet jedoch noch auf die Wissenschaftler: Die riesigen Datenmengen, die nun vorliegen, können nach ihrer bioinformatischen Aufarbeitung viele Fragen beantworten. Gibt es heute noch lebende Nachfahren von Ötzi und wo leben sie? Welche genetischen Mutationen kann man zwischen früheren und heutigen Populationen festmachen? Welche Rückschlüsse kann man aus der Untersuchung von Ötzis Genmaterial und seinen Krankheitsveranlagungen auf heutige Erbkrankheiten oder andere heutige Erkrankungen wie Diabetes oder Krebs ziehen? Wie wirken sich diese Erkenntnisse auf die heutige Forschung in der genetischen Medizin aus?

Nächstes Jahr feiert Ötzi den 20. „Geburtstag“ seiner Entdeckung. Zu diesem Anlass wollen die Forscher ihre Analyse der Daten und ihre daraus gezogenen Erkenntnisse vorstellen – man darf gespannt sein.

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